Joachim Brüser: Von Wien nach Versailles. Brautfahrt und Hochzeit der Marie Antoinette im Frühjahr 1770, 523 Seiten – 79- Euro, Aschendorff-Verlag, Münster 2024 – ISBN 978-3-402-25031-0
Das Heiraten wurde früher gern eingesetzt, um den eigenen Machtbereich zu vergrößern oder zumindest abzusichern. Und kaum eine Dynastie nutzte dieses Mittel besser als das Haus Habsburg. Vor allem Kaiserin Maria Theresia verstand es, ihre Kinder innerhalb des europäischen Hochadels vorteilhaft zu verheiraten. Der Höhepunkt dieser Politik sollte die Vermählung ihrer jüngsten Tochter Marie Antoinette mit dem zukünftigen französischen König Ludwig XVI. darstellen. Nachdem Friedrich der Große unerwartet den Krieg gegen Österreich eröffnet hatte, musste sich das Habsburger-Reich völlig neu positionieren und fand in dem ehemaligen Erzfeind Frankreich einen neuen Verbündeten. Die Heirat mit dem Dauphin sollte das neue Bündnis auf familiärer Basis stärken.
Mit der Übereinkunft im Jahr 1769, dass geheiratet werden solle, stellte sich die Frage, auf welchem Weg die junge Braut von Wien nach Paris gelangen würde. Die Festlegung der Strecke erwies sich als ähnlich schwierig wie die Heiratsverhandlungen selbst. Man war bestrebt, den Brautzug möglichst über heimisches Gebiet zu führen. Durch die Zerrissenheit der Vorlande konnte dies nicht vollständig realisiert werden. Der Reiseplanung kam entgegen, dass sich der Hochadel mit dem Brautzug schmücken wollte. Mit der Wahl der Übernachtungsorte zeigte Maria Theresia bewusst ihre Gunst. Als Beispiel kann hier Donaueschingen aufgeführt werden. Es hätte sich ebenso die alte vorderösterreichische Stadt Villingen mit den verschiedenen Klöstern angeboten. Stattdessen wählte Maria Theresia Donaueschingen aus und belohnte damit die jahrhundertealte Verbundenheit des Hauses Fürstenberg mit den Habsburgern.
Joachim Brüser gliedert seine Untersuchung über die Fahrt entsprechend den Übernachtungsorten. Er beginnt jeweils mit deren politischer Einordnung. So fasst er bei Donaueschingen kurz die Geschichte der Fürsten zu Fürstenberg zusammen und berichtet vor allem über deren Verbindung zum Hause Habsburg. Dann werden die Vorbereitungen des Besuches erörtert. Dabei stellte sich immer wieder die Frage, ob genügend Wohnräume mit entsprechendem Mobiliar für die vielen Personen vorhanden waren. In Donaueschingen bot das fürstliche Schloss eine adäquate Unterkunft für den Brautzug. Dafür war es anfangs schwierig, die über 1300 benötigten Pferde für das Vorspannen bereit zu halten. Die Bevölkerung wurde angewiesen, in ordentlicher Kleidung Spalier zu stehen.
Im nächsten Abschnitt wird das Besuchsprogramm beschrieben. Die junge Braut durfte sich durch die Abendunterhaltung nicht überanstrengen. Theaterstücke waren erlaubt, Tanzveranstaltungen hatte ihre kaiserliche Mutter verboten, da sie die Tanzlust ihrer Tochter kannte. Üblicherweise zog sich Marie Antoinette bereits um 21 Uhr in ihre Gemächer zurück. Am kommenden Morgen verabschiedete sie sich nach dem Besuch der heiligen Messe bei Fürst Joseph Wenzel und seiner Gattin. Die nächste Station war das vorderösterreichische Freiburg. Wie in den meisten Stationen blieb im Nachhinein auch in Donaueschingen nur das Erschrecken über die exorbitanten Kosten von mehr als 100.000 Gulden übrig.
Das Buch gibt einen Einblick in die damalige politische und gesellschaftliche Situation der einzelnen Klöster und Städte im süddeutschen Raum. Durch die Konzentration auf die einzelnen Übernachtungsorte wird dem Aspekt des Reisens selbst zu wenig Raum gegeben. Wie komfortabel war die Fahrt in Kutschen auf den damals noch unbefestigten Wegen? Wie schwierig war es, den jeweiligen Zug mit über 350 Pferden zusammenzustellen? Der Abschnitt Donaueschingen schließt mit der Umspannstation Unadingen. Danach wird die Stadt Freiburg erörtert, ohne einen Hinweis auf die Strecke zu geben. Aber gerade die Reise von Donaueschingen durch das wildromantische Höllental nach Freiburg muss eine besondere Herausforderung für den Tross dargestellt haben.
Weiterhin tritt die Hauptfigur der Brautfahrt, Maria Antoinette, nicht wirklich in den Vordergrund. Wie stand sie zur Heirat? Hat sie sich auf der Fahrt verändert? Es werden einzelne ihrer Briefe zitiert, jedoch nur in französischer Sprache. Angesichts der ohnehin umfangreichen Fußnoten hätte eine Übersetzung dieser Zitate nicht geschadet. Für die geographische Einordnung der Reise fehlt eine Übersichtskarte. Im Hinblick auf den stolzen Preis von 79 Euro fällt dem Leser auch das Fehlen von Bildern auf. Wie sahen die wichtigsten Personen aus? Wie kann man sich die Kutschen zu dieser Zeit vorstellen? Hier wären ein paar Illustrationen hilfreich gewesen.
Die Kritikpunkte bezüglich der Aufmachung schmälern nicht den Gesamteindruck des Werkes. Dieses bietet einen hervorragenden Einblick in das politische und höfische Leben in unserer Region im Vorfeld der Französischen Revolution.
Harald Ketterer

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