Jürgen Wolfer: Ein hartes Stück Zeitgeschichte:Kriegsende und französische Besatzungszeit im mittleren Schwarzwald, 626 Seiten – 141,- Euro, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2012, Münster 2024 – ISBN 978-3-402-25031-0
Nach 80 Jahren erstaunt die geringe Anzahl an Veröffentlichungen zum Thema Kriegsende und Nachkriegszeit in der Region Schwarzwald-Baar. Diese ereignisreichen und wirkmächtigen Wochen und Monate werden lokalhistorisch in den Ortschroniken mal mehr, mal weniger ausführlich behandelt. Die wenigen überörtlichen Abhandlungen behandeln meist Einzelaspekte, wie z.B. das militärische Geschehen in dem Buch „Halt! Schweizer Grenze!“ von Hermann Riedel. Eine wissenschaftliche Zusammenfassung aller relevanten Aspekte zum Kriegsende und Nachkriegszeit über die Region Schwarzwald-Baar fehlte bisher. Jürgen Wolfer hat sich in seiner Dissertation an der Universität Freiburg im Jahr 2010 dieser Themen angenommen und zwei Jahre später veröffentlicht.
Das Kriegsende im Südwesten war dadurch gekennzeichnet, dass die Bevölkerung relativ lange vom Kriegsgeschehen, namentlich den Luftangriffen verschont blieb. Mit dem Herannahen der alliierten Truppen sollte sich dies drastisch ändern. Ab Frühjahr 1945 wurde das Leben von britischen und amerikanischen Tieffliegerangriffen geprägt. Die tägliche Demonstration der vollkommenen Luftüberlegenheit zeigte den Deutschen, dass der Krieg verloren war.
Der Einmarsch der französischen Truppen in die Ortschaften und Städten des Schwarzwaldes und der Baar markierte den tatsächlichen Übergang der 12-jährigen NS-Herrschaft zur französischen Besatzungsmacht. Solange deutsches Militär anwesend war, galten die Regeln der zurückliegenden Jahre. Mit dem Abmarsch bzw. der Flucht der kämpfenden deutschen Truppen vollzog sich von Ort zu Ort ein dramatischer Machtwechsel. Die bisherigen NS-Größen verließen fluchtartig die Ortschaften. An deren Stelle traten Personen, die dem NS- System kritisch gegenüber standen. Die staatliche Kontrolle ging an eine fremde Macht über, die man nicht einschätzen konnte. Die ersten Kontakte mit den Besatzern verliefen oft schwierig, Plünderungen und Vergewaltigungen blieben nicht aus. Die Angst vor den französischen Truppen wurde dabei durch den hohen Anteil von Kolonialtruppen verstärkt. Insgesamt waren die Monate nach Kriegsende durch viele Gewalttaten geprägt.
Die heimatlosen ehemaligen Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, die sich problemlos bewaffnen konnten, machten der Bevölkerung zusätzlich Angst und stellten eine erhebliche Bedrohung dar. Die Rückführung all dieser Personen in ihre Heimatländer war schwer zu realisieren, da in allen Ländern ein Mangel an Lebensmittel herrschte. Keine Stadt und kein Land hatte Bedarf an zusätzlichen Menschen.
Ferner war ein Großteil der Bahnverbindungen durch Luftangriffe zerstört. Die Unterbrechung der Verkehrwege verstärkte die ohnehin knappe Lebensmittelversorgung. Jürgen Wolfer überrascht mit der Feststellung, dass die Villinger Bevölkerung zeitweise eine geringere Pro-Kopf-Zuteilung an Lebensmitteln erhielt als die Bevölkerung Berlins. Selbst Kleinstädte wie Vöhrenbach hatten nach dem Krieg ein erhebliches Ernährungsproblem.
Neben den materiellen Sorgen widmet sich Jürgen Wolfer den geistlich-sittlichen Veränderungen dieser stürmischen Zeiten. Hier kann er auf die umfangreichen Abfragen der Erzdiözese Freiburg in ihren Pfarreien nach dem Krieg zugreifen. Mit dem Wegfall der örtlichen politischen NS-Machtstruktur verblieb die Kirche als einzige kontinuierliche Institution, die politisch eher unbelastet war. Nach Kriegsende konnte ein vermehrter Kirchenbesuch festgestellt werden. Die Pfarrer erwarteten generell ein Wiedererstarken des Kirchenlebens, in dem sie wieder als moralische Instanz auftreten konnten.
Ein besonderer Schwerpunkt ihres Augenmerks betraf das veränderte Sexualverhalten. Einerseits war der Großteil der heimischen jungen Männer an der Front oder in Gefangenschaft, anderseits befanden sich nach Ende des Krieges viele befreite ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der Region. Dazu kamen die französischen Besatzungstruppen sowie Frauen, die vor Kriegsende aus Luftschutzgründen von den Städten aufs Land umgesiedelt waren. Angesichts dieser besonderen Situation ist es nicht verwunderlich, dass die Anzahl der nichtehelichen Kinder im Jahr 1946 sprunghaft anstieg.
Jürgen Wolfer nimmt den Leser in diese außergewöhnliche Umbruchsphase und gibt einen Einblick in eine Zeit, die von Unsicherheiten, Ängsten und Gewalt geprägt war. In der Stunde Null oder, wie der Volksmund es nannte, beim „Umsturz“ wusste niemand, wie es weitergehen würde. Das Wort „Befreiung“ kam der einheimischen Bevölkerung in diesen Tagen und Wochen am wenigsten in den Sinn. Die Wandlung zur demokratischen Gesellschaft dauerte noch Jahre und wurde erst durch die erstaunliche wirtschaftliche Erholung in den fünfziger Jahren abgesichert.
Das gut recherchierte Buch von Jürgen Wolfer verdient eine große Leserschaft. Leider ist der hohe Preis von 141,-€ hierbei eher hinderlich.
Harald Ketterer

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