Kurt Kramer: Wenn Glocken erzählen. Eine Reise durch die Kulturgeschichte der Glocken im Erzbistum Freiburg. 272 Seiten, 34,80 Euro, Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2025.
Die Erzdiözese Freiburg feiert ihre Gründung vor 200 Jahren. Dabei kommen vor allem zwei Ereignisse als Jubiläumsanlässe in Frage: Die 1821 erlassene päpstliche Urkunde „Provida solersque“, durch die die Diözesen Freiburg, Rottenburg und Limburg neu geschaffen wurden und alte Bistümer an Bedeutung verloren oder ganz verschwanden. Und das Jahr 1827, in dem der Freiburger Münsterpfarrer Bernhard Boll zum Erzbischof gewählt und damit ein Streit zwischen der römischen Kirchenleitung und dem badischen Großherzog um die Besetzung des neuen Postens beigelegt werden konnte.
An dieses zweite Datum knüpft das, allerdings schon im Mai 2025 erschienene Buch von Kurt Kramer an: „Zum 200. Jahresfest der Gründung des Erzbistums Freiburg“ vermerkt die Titelseite. Der Autor war jahrzehntelang als Glockensachverständiger des Erzbistums tätig und möchte – wie der Titel „Wenn Glocken erzählen“ nahelegt – ein Sprachrohr sein und die Musikinstrumente selbst ihre Geschichten erzählen lassen. Da er in diesem Buch aber nicht allen ca. 6.000 Glocken Raum geben konnte, musste er eine Auswahl treffen.
Diese Auswahl folgt den Forschungsinteressen des Autors. Manche der mehr als 20 Kapitel befassen sich mit einzelnen Regionen oder Orten, dem Bodensee, Salem oder der Reichenau – Kramer spricht hier von „Glockenlandschaften“. Für andere Kapitel hat er einzelne Instrumente beschrieben, wobei er sich von dem Gedanken der Erzbistumsfestschrift leiten ließ, und in einem „Zwischen Würzburg und Speyer“ überschriebenen Kapitel Glockengeschichten aus verschiedenen Zeiten zusammenfasst, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie in den Orten des nördlichen Teil des Bistums klingen.
Andere Kapitel widmen sich Glockengießerfirmen wie der Firma Rosenlächer in Konstanz, die 1841 einen Auftrag für eine neues Geläut für das zur Kathedrale aufgewertete Freiburger Münster bekam. Dazwischen gibt es historische Kapitel: In „Glocken läuten die Säkularisierung ein“ geht es um den Verbleib von Glocken aus ehemaligen Klosterkirchen geht. Hier wird auch das aus der Villinger Benediktinerkirche nach Karlsruhe verbrachte Geläut erwähnt und aus einem Beitrag des Regierungsrates Hartleben zitiert. Der lobte 1817 seine Regierung dafür, dass sie in Karlsruhe „mit geweihten katholischen Glocken, gestiftet von einem lutherischen Fürsten zu einem reformierten Gottesdienste“ läute, wobei Kramer zu recht darauf hinweist, dass diese Verschmelzung konfessioneller Traditionen sich nicht freiwillig vollzogen hatte.
Kurt Kramer hat für dieses Buch frühere Aufsätze überarbeitet. So gibt das Kapitel über die älteste Glocke Baden-Württembergs, die vermutlich im 11. Jahrhundert gefertigte und nach dem Fundort bei Gailingen benannte „Bürgli-Glocke“, einen 2022 von Kramer zusammen mit Bertram Jenisch für die „Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ verfassten Beitrag über mehrere Seiten wort- und abbildungsgleich wieder. Den Lesern aber werden solche Zweitverwertungen nicht mitgeteilt. „Zu Gunsten des Layouts und der Lesbarkeit des Textes“ so teilen Verlag und Autor auf der letzten Seite mit, habe man auf Fußnoten verzichtet: „Die ca. 500 Fußnoten“ sollen „in überschaubarem Zeitraum – auf Nachfrage – in einer bildfreien Version bei der Glockeninspektion des Erzbistums Freiburg abrufbar sein“. Auf der Website der Glockeninspektion waren im Februar 2026 noch keine Fußnoten zu finden, dafür entdeckten wir die von Johannes Wittekind, dem Nachfolger Kramers im Amt des Glockeninspektors, angelegte Klangdatenbank, die den Klang von mehr als 2.000 Glocken dokumentiert. Aus Villingen und Ortsteilen sind dort Tonaufnahmen von 52 Glocken anzuhören, aus Donaueschingen sind es 47, und das Handgeläut der Neudinger Kapelle gibt es sogar im Video.
Konfus wird es in dem Kapitel, das mit „Morgen sind sie mein und töten. Glocken für Führer, Volk und Vaterland“ überschriebenen ist. Kramer zitiert den Völkischen Beobachter vom 24. Dezember 1925, der davon spricht, dass nicht „Frieden […] sondern Unfriede und Kampf“ zu diesem Weihnachtsfest „mit tausend Glocken“ verkündet werden solle. Allerdings verlängert er das Originalzitat um den Zusatz „Kampf um die ‚Schmach von Versailles‘ “ sowie um die Zeile „Morgen sind sie mein und töten“, und schreibt den Text Adolf Hitler zu, dem Herausgeber des Völkischen Beobachters. Wer aber das Digitalisat des Völkischen Beobachters zurate zieht – die Deutsche Digitale Bibliothek will uns noch heute durch Nichtveröffentlichung vor mehr als hundert Jahre alter Nazipropaganda schützen, doch über archive.org ist die Ausgabe leicht zugänglich – sieht, dass die zitierte Glosse mit dem Kürzel A.R. unterzeichnet ist, das auf den damaligen Chefredakteur Alfred Rosenberg verweist. Und die Zeile „Morgen sind sie mein und töten“ stammt weder von Hitler noch von Rosenberg, sondern von Christian Morgenstern, der 1905 in einem Gedicht über die beiden „Schwestern“ Kanonen und Glocken schrieb: „Heute sind sie dein und beten, morgen sind sie mein und – töten“. Morgenstern allerdings wird namentlich nicht erwähnt.
Kurt Kramer blickt auf ein langes Forscherleben zurück und hat hier sein großes Wissen über technische, technikgeschichtliche und kulturhistorische Aspekte der Glocken im Erzbistum niedergelegt. Mit einem aufwändig gestalteten und schön bebilderten Band feiert das Erzbistum sich und seine zweihundertjährige Geschichte. Leider haben dabei Autor, Lektor, Korrektor und Verlag die Interessen ihrer Leserinnen und Leser etwas aus dem Blick verloren: Für weitergehend interessierte Historiker fehlen verwertbare Nachweise. Die mit der Glockentechnik Unvertrauten finden kein technisches Glossar – nicht jeder weiß, was die ‚Glockenschulter‘ ist –, und die lokal- und regionalgeschichtlich Interessierten werden ein Ortsverzeichnis vermissen.
Friedemann Kawohl

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