Peter Graßmann (Hg.): Grabraub. Spurensuche durch die Jahrtausende. Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen. 238 Seiten, Verlag der Stadt Villingen-Schwenningen 2025.
In einer archäologischen Sonderausstellung widmete sich das Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen vom 5. April bis zum 6. Juli 2025 dem Thema „Grabraub“. Der Begleitband bietet vertiefende Einblicke in einen besonderen Aspekt der Archäologie. Er beginnt mit einem Grußwort von Dr. Anita Auer, der Leiterin des Franziskanermuseums; die folgenden zehn Beiträge besprechen Grabanlagen und ihr Schicksal in Ägypten, China und dem deutschen Südwesten. Der Band eröffnet 7000 Jahre einer Kulturgeschichte der Totenkulte, des Jenseitsglauben und magischen Denkens.
Bis auf die „schriftlose“ Zeit der Kelten können die Autorinnen und Autoren die in Grabungen erlangten Funde und Erkenntnisse durch Schriftquellen flankieren. So werden dem Leser nicht nur Grabanlagen, sondern sogleich auch Abwehrmaßnahmen vorgestellt. Die schriftlichen Quellen bieten aus ihrer Zeit Einblick in die Gedanken vom Leben im Diesseits und im Jenseits. In jedem Beitrag ist spürbar, dass nicht alleine eine profane Gier nach Wertsachen, die Absicht, sich zu bereichern, das Eindringen in ein Grab motivieren muss. Es können durchaus auch politische Interessen vorliegen oder prekäre Notwendigkeiten Anlass sein, den Toten in seiner Ruhe zu stören.
Der titelgebende Begriff „Grabraub“ wird in der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion als überholt angesehen. Um der Vielfalt der Gründe Rechnung zu tragen, die ein Eindringen veranlassen, plädieren Forscherinnen und Forscher dafür, „Grabraub“ durch den Begriff der „sekundären Graböffnung“ zu ersetzen. Diesem Thema widmet sich Susanne Brather-Walter in ihrem Beitrag „,Grabraub‘ im frühen Mittelalter? Fakten und Fakes zu einem gesellschaftlichen Phänomen“.
Die Lektüre des Bandes hat zwei kritische Überlegungen hervorgebracht. Gerade im Hinblick auf den Beitrag von Susanne Brather-Walter wäre eine breitere Diskussion über den Begriff des Grabraubes und dessen Verankerung in der jeweiligen Zeit und Gesellschaft zu wünschen. Wie verändern wir die Sicht auf die Vergangenheit, wenn an Stelle des Begriffs des Grabraubes allein der Begriff der sekundären Graböffnungen verwandt wird? Der Begriff des Raubes verweist auf einen Akt der Gewalt. Gerade die in den Beiträgen aufgeführten Schriftquellen zeigen aber, dass ein Eindringen in ein Grab als Gefahr gesehen wurde. Durch einen solchen Akt der Gewalt können einerseits die dem Toten ins Grab beigegebenen materiellen Werte genommen werden. Andererseits wird die Störung eines Grabes bewusst eingesetzt, um die Ehre, die Ruhe oder die Stellung des Bestatteten anzugreifen. Auch diese Gründe einzudringen sind Akte der Gewalt, sie rauben den Toten immaterielle Werte.
Der zweite kritische Gedanke bezieht sich auf die Beiträge von Christian Loeben „Tutanchamun – ein unberaubtes Königsgrab … zumindest bis 1922“ und von Philip Kiernan und Stefan Holz „Wie Geschichte verloren geht: Raubgräber, Sondengänger und die Vernichtung des kulturellen Erbes“. Beide Beiträge weisen keine Belege oder Bibliographie nach. Begleitbände zu Ausstellungen bieten zumeist einen einfachen Einstieg in die jeweilige Thematik und damit verbunden Hinweise auf aktuelle Literatur. So ist es ungewöhnlich und bedauerlich, dass bei den genannten beiden Beiträgen keine Literaturangaben gemacht werden, anhand derer eine tiefergehende Recherche möglich wäre.
Der Band ist informativ und großzügig mit Bildmaterial ausgestattet. Der Leser findet eine Fülle an Formen und Gedanken zu Begräbniskultur und Bestattungsriten.
Damit trägt der Band auch das Potenzial in sich, die ganz persönliche Einstellung zu Bestattung und Totengedenken zu hinterfragen.
Evelyn Mrohs-Ketterer

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